Opferfestbotschaft des IRH-Vorsitzenden Ramazan Kuruyüz

Bismil-lahir-rahmanir-rahim

Mit dem Namen Allahs, des Allgnade Erweisenden, des Allgnädigen

Liebe Schwestern, Brüder und Freunde,

verehrte Damen und Herren!

Ramazan Kuruyüz
Vorsitzender der IRH

Das Opferfest und die damit im Zusammenhang stehende Pilgerfahrt bzw. der Hadsch erinnern uns an den Propheten Abraham/Ibrahim, Friede sei mit ihm. Die Pilgerfahrt ist die Nachahmung Abrahams/Ibrahims, der nach islamischer Tradition mit seinem Sohn Ismail, Friede sei mit ihm, nach Mekka pilgerte und dort opferte. Muhammed, Gesandter Allahs, Friede sei mit ihm, hat dieses abrahamische Erbe übernommen. Jedes Jahr pilgern Millionen Muslime aus aller Welt nach Mekka. Die Pilgerfahrt ist eine der fünf Säulen des Islam. Das Opferfest bildet einen der Höhepunkte der Pilgerfahrt nach Mekka.

In der Geschichte Abrahams im Zusammenhang mit der Pilgerfahrt und dem Opfer finden wir neben ihrem Hauptaspekt „Gott vertrauen und Gott dienen“ viele ethisch-moralischen Werte und wichtige Botschaften, die auch heute ihre universelle Gültigkeit haben. Dazu möchte ich kurz nur vier wichtige Aspekte hervorheben: soziale Verantwortung bzw. soziale Gerechtigkeit, die Ablehnung des Rassismus, außer dem Einen Gott keine Götter verehren und anbeten und das „Recht des Stärkeren“ ist das größte Unrecht.

  1. Soziale Gerechtigkeit: Das Opferfest bzw. die Opfergeschichte Abrahams ist vor allem gekennzeichnet durch Werte wie Barmherzigkeit, Liebe, Solidarität, Brüderlichkeit bzw. Geschwisterlichkeit, gute Nachbarschaft, soziale Verantwortung und Teilen. Beim Opferfest wird das Bewusstsein der Solidarität mit den Schwachen, Armen und Bedürftigen bzw. das Bewusstsein des notwendigen Einsatzes für die soziale Gerechtigkeit in der Welt gefördert. Die Welt ist kleiner geworden; somit sind beispielsweise Millionen in Not und Armut leidende Menschen in Afrika und Asien unsere Nachbarn geworden. Wir können hier in Europa in unserem Wohlstand nicht gleichgültig und egoistisch weiter leben, während unsere Nachbarn hungern. Dazu sagte der Gesandte Allahs Muhammed (Friede sei mit ihm):

„Derjenige ist kein wahrhaftiger Gläubiger/Mumin, der sich satt isst, während sein Nachbar Hunger leidet.“

Wir dürfen nicht vergessen, dass eine Welt ohne soziale Gerechtigkeit für niemanden sicher sein kann. Ohne soziale Gerechtigkeit kann es keine Sicherheit geben. Ohne Sicherheit kann es keinen Frieden geben. Denn die soziale Ungerechtigkeit stellt den größten Nährboden für soziale Konflikte und den Terrorismus dar. Die internationalen Konflikte, Kriege und der internationale Terrorismus seit Jahrzehnten sind klare Beweise dafür. Man kann den Terrorismus nicht wirksam bekämpfen, ohne seinen wichtigsten Nährboden abzuschaffen, nämlich ohne die soziale Ungerechtigkeit weltweit mit richtigen und notwendigen Mitteln zu bekämpfen.

  1. Rassismus: Millionen Muslime aus allen Ländern der Welt treffen und begegnen sich während der Pilgerfahrt in Mekka, um ihren Gottesdienst gemeinsam durchzuführen. Damit verkörpern und demonstrieren sie in aller Klarheit die Einheit und Geschwisterlichkeit der Gemeinschaft der Muslime in der Welt. Zugleich stellen sie in ihrem Ihram, in gleicher weißer Kleidung, die Gleichheit aller Menschen aus allen Völkern, Hautfarben und sozialen Schichten vor ihrem Schöpfer dar. Der Hadsch/die Pilgerfahrt ist in diesem Sinne die weltweit größte Demonstration gegen Rassismus und für die Gleichheit aller Menschen vor ihrem Schöpfer. Zu diesem Zweck lautet es im Qur’an und der Sunna:

„O Ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und weiblichen Wesen erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ (Sura 49, Vers 13)

„Ebenfalls zählt zu Seinen Zeichen die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Vielfalt an euren Sprachen und euren Farben. Gewiss, darin sind doch Zeichen für die Wissenden.“ (Sura 30, Vers 22)

Allahs Gesandter Muhammad (salla-llahu alaihi wa sallam/Friede sei mit ihm) sagte:

„Ihr alle gehört zu Adam und Adam stammte aus Erde. Keinen Vorrang hat der Araber vor dem Nichtaraber oder der Weiße vor dem Schwarzen, es sei denn durch die Gottesfurcht und das rechte Handeln.“

Im Sinne der Unterschiede unserer Religionsverständnisse und unseres Umgangs miteinander heißt es im Qur’an weiter (Sura 5, Vers 48):

„Für jeden von euch haben Wir eine Gebotenlehre und eine Lebensweise bestimmt. Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch doch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht; jedoch Er prüft euch in alledem, was Er euch gegeben hat. Darum wetteifert um die guten Taten! Zu Allah werdet ihr allesamt zurückkehren, dann wird Er euch darüber in Kenntnis setzen, worüber ihr uneins und verschieden waret.“

Rassismus war und ist die größte und gefährlichste soziale Krankheit der Menschheit. In diesem Sinne darf ich in aller Klarheit sagen: Rassismus jeder Art, egal von wem er stammt und gegen wen er gerichtet ist, Hass gegen Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion, antijüdischer, antichristlicher und antimuslimischer Rassismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es kann doch unserem Schöpfer nicht gefallen, wenn Menschen einander hassen und voreinander Angst haben, nur weil sie eine andere Herkunft, eine andere Hautfarbe, einen anderen oder keinen Glauben haben. Deshalb muss der Hass selbst, nicht der Mensch, gehasst werden. Der berühmte türkische Dichter und Mystiker Yunus Emre, der in den Jahren von 1241 – 1321 lebte, schrieb in einem seiner Werke:

„Lieb‘ das Geschöpf, um seines Schöpfers willen!“

  1. Außer dem Einen Gott keine Götter verehren und anbeten:

Dazu möchte ich hier die diesbezüglichen Verse aus dem Qur’an vortragen:

„Und (denke daran) wie Abraham zu seinem Vater Ázar sprach: «Nimmst du Götzenbilder zu Göttern? Ich sehe dich und dein Volk in offenbarer Irrung. Also zeigten Wir Abraham das Reich der Himmel und der Erde, (auf dass er rechtgeleitet sei) und er zu den Festen im Glauben zählen möchte. Als nun die Nacht ihn überschattete, da erblickte er einen Stern. Er sprach: «Das ist mein Herr!» Doch da er unterging, sprach er: «Ich liebe nicht die Untergehenden. Als er den Mond sah, sein Licht ausbreitend, da sprach er: «Das ist mein Herr!» Doch da er unterging, sprach er: «Hätte nicht mein Herr mich recht geleitet, wäre ich gewiss unter den Verirrten gewesen. Als er die Sonne sah, ihr Licht ausbreitend, da sprach er: «Das ist mein Herr, das ist das Größte!» Da sie aber unterging, sprach er: «O mein Volk, ich habe nichts zu tun mit dem, was ihr anbetet. Siehe, ich habe mein Angesicht in Aufrichtigkeit zu Dem gewandt, Der die Himmel und die Erde schuf, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern.“ (Sura: 6, Verse: 74 – 79)

In der ganzen Menschheitsgeschichte haben viele Menschen und Völker sich die Dinge, in denen sie Größe und Macht gesehen haben, zu Göttern genommen und sie verehrt und angebetet. In der vorgetragenen Geschichte zeigte Abraham mit der Methodik der Logik und Pädagogik, dass die Untergehenden, die Vergänglichen und die Sterblichen nicht anbetungswürdig sein dürfen und kein Gott sein können.

Auch heute ist es nicht anders. Wir Menschen nehmen uns weiterhin oft vergängliche und sterbliche Dinge zu unseren Göttern. Unsere Götter sind mal das Geld, Hab und Gut bzw. Habsucht, mal Macht, mal Ruhm und Selbstherrlichkeit, mal unser eigenes Ego, mal unsere eigene Weltanschauung, unsere Ideologie, unsere Konfession, unser verkehrtes Religionsverständnis, welches zum Fanatismus, zur Engstirnigkeit und Intoleranz führt, oder mal unsere Rasse, unsere Nation, welches zum Rassismus führt… Alles, was wir so verehren und anbeten, ist doch vergänglich und sterblich. Wozu denn dann all dieser Streit für vergängliche Götter? Wozu denn all diese Kriege in dieser Welt? Um mehr zu besitzen und zu besetzen!? Die ganze Erde reicht doch uns allen. Warum können wir das Alles auf der Erde nicht gerecht und geschwisterlich miteinander teilen? Alles, wofür wir kämpfen, geht doch runter und vergeht. Wie Abraham sagte, sind die Untergehenden nicht anbetungswürdig. Und der Mensch selbst ist sterblich und die Macht ist vergänglich.

  1. „Das Recht des Stärkeren ist das größte Unrecht“: Abraham/Ibrahim und seine Nachfolger wie Moses/Musa, Jesus/Isa und Muhammed, Friede sei mit ihnen allen, haben gegen das Verständnis „Das Recht des Stärkeren“ gekämpft. Nach der abrahamischen Lehre hat derjenige, der recht hat, die Macht. Nicht derjenige, der Macht hat, hat recht. Das politisch-philosophische Verständnis „Das Recht des Stärkeren“ stellte und stellt die Grundlage aller Verbrechen und Grausamkeiten in der Geschichte und der Gegenwart dar. Deshalb ist das „Recht des Stärkeren“ das größte Unrecht.

Die ganze Menschheitsgeschichte ist leider geprägt voll von blutigen Machtkämpfen und Kriegen, nicht nur zwischen verschiedenen nationalen, kulturellen oder religiösen Völkern, Gemeinschaften und Ländern, auch zwischen verschiedenen Konfessionen der gleichen Religionen. Im Namen Gottes haben Anhänger der abrahamischen Religionen Jahrhunderte lang „heilige!“ oder „gerechte!“ Kriege geführt und Millionen Menschen getötet. Die Religionen und der Name Gott wurden von diesen Kriegern meist nur ausgenutzt und missbraucht, um ihre weltlichen, politischen und wirtschaftlichen Machtzwecke zu verheimlichen und zu täuschen. Deshalb ist es unsachlich und oberflächlich, zu behaupten, dass abrahamische Religionen Ursache dieser Kriege wären. Das Europa hat im 18. Und 19. Jahrhundert die Aufklärung erlebt. Was geschah aber dann dennoch? Trotz der Aufklärung in Europa haben alleine in den zwei Weltkriegen im letzten Jahrhundert ca. siebzig Millionen Menschen ihr Leben verloren. Waren die Ursache dieser Kriege die abrahamischen Religionen oder Religionen überhaupt? Waren sie schuld an diesen grausamen Kriegen? Selbstverständlich nicht! Macht, Gier, Materialismus, Imperialismus und Rassismus waren die wahren Gründe.

Und wie sieht der aktuelle Stand Kriege betreffend aus? Täglich verlieren tausende Menschen auf den Schlachtfeldern der Welt, von Afrika und Asien bis Europa und Amerika, ihr Leben oder fliehen in eine ungewisse Zukunft. In ihrem „Konflikt Barometer 2013“ des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung/HIIK zählen die Wissenschaftler weltweit 414 Konflikte. Davon werden 45 Konflikte als hochgewaltsam eingestuft, darunter 20 Kriege. Die Waffenlobbyisten freuen sich bestimmt, denn die Waffenindustrie lebt von diesen blutigen Konflikten und Kriegen.

Was für eine Ironie und Tragik der menschlichen Logik steckt dahinter, dass die Errungenschaften der Wissenschaft für das Verachten, Töten, Vernichten und Zerstören des menschlichen Lebens und der Schöpfung eingesetzt wurden und leider weiterhin werden, statt deren Achtung, Erhaltung und Schutz?!

Und was unternimmt die UNO gegen diese Kriege und Konflikte? Die UNO versagt! Wofür wurde diese UNO nach dem II. Weltkrieg gegründet? Um internationalen Frieden und globale Sicherheit zu garantieren!? Um Kriege zu verhindern!? Um die Einhaltung des internationalen Völkerrecht zu sichern!? Eine UNO, die undemokratisch gestaltet und geführt wird, kann diese Kriege und Konflikte nicht verhindern und den Frieden nicht sichern. Denn solange es fünf Vetomächte im UNO-Sicherheitsrat gibt, kann diese UNO die Probleme in der Welt nicht lösen; Syrien ist das konkrete aktuelle Beispiel dafür. Die UNO hat 193 Mitgliedsstaaten. Wenn nur eine der Vetomächte (USA, England, Frankreich, Russland und China) ihr Vetorecht nutzt, bleibt die UNO handlungsunfähig. Ich denke, wir müssen alle gegen das „Recht des Stärkeren“ unsere Stimme erheben. Und jede Stimme ist wichtig. Nur durch eine demokratische Ordnung mit dem gleichberechtigten Stimmrecht jeden Mitgliedsstaates kann die UNO Verbrechen und Grausamkeiten in der Welt wirksam bekämpfen.

Verehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der abrahamischen Religionen,

wir als Vertreter und Anhänger insbesondere der abrahamischen Religionen haben die Aufgabe sich als Mahner für den Frieden, gegen Extremismus, Gewalt, Terror und Kriege, gegen die Ermordung von Zivilisten und Kindern in der ganzen Welt einzusetzen. Ohne Doppelmoral müssen wir alle jeden Gewaltakt, jeden Krieg und jeden Terrorismus, wodurch unschuldige Menschen, Zivilisten und Kinder ermordet werden, strikt ablehnen und unmissverständlich und ohne Wenn und Aber verurteilen. Ein Verständnis, dass deine Gewalt böse und meine Gewalt gut ist, darf es nicht geben. In diesem Sinne haben wir als IRH immer jede Gewalt, jeden Terror und jeden Krieg mit unschuldigen Opfern ohne Doppelmoral verurteilt. Dasselbe erwarten wir auch von allen anderen Religionsgemeinschaften und Kirchen. Wenn wir alle als Vertreter und Verantwortungsträger der  Religionsgemeinschaften jedes Unrecht, jedes Verbrechen und die Ermordung von Zivilisten, durch wen auch immer, ohne Wenn und Aber und ohne Doppelmoral ablehnen und verurteilen können, dann können wir zusammen gegen alle Versuche aus allen Ecken, Religionsgemeinschaften gegeneinander anzufeinden, kämpfen und zum Frieden vor allem in unserem gemeinsamen Land Deutschland, aber auch in der Welt entscheidend beitragen.

Verehrte abrahamischen Freunde,

lassen uns gemeinsam für das Erbe bzw. die Werte von unserem Stammvater Abraham einsetzen! Lassen Sie uns gemeinsam für den Frieden und gegen Hass und Unrecht hier und in der Welt  einsetzen!

Zum Schluss wünsche ich meinen muslimischen Geschwistern ein gesegnetes und friedliches Opferfest. Id mubarak! Bayramınız mübarek olsun! Vor allem bete ich für Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit im Nahen Osten und der ganzen Welt.

12. September 2016

Ramazan Kuruyüz

Vorsitzender der IRH/Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen

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