Rede des IRH-Vorsitzenden Ramazan Kuruyüz 5. Stadtiftar Gießen

Bismillahir-rahmanir-rahim (Mit dem Namen ALLAHs, Des Allgnade Erweisenden, Des Allgnädigen)

Verehrte Damen und Herren, liebe Schwestern, Brüder und Freunde!

Im Namen der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen/IRH heiße ich Sie alle herzlich willkommen und freue mich, Sie zahlreich bei unserem fünften Stadtiftar heute auf dem Kirchenplatz in Gießen begrüßen zu dürfen. Ich grüße Sie alle mit dem islamischen Friedensgruß „assalamu aleikum“. Friede sei mit Ihnen allen!

Veranstaltungen wie der heutige Stadtiftar bieten uns einerseits die Möglichkeit für Begegnungen, für gegenseitig näheres Kennenlernen, für die Schaffung bzw. Förderung gegenseitigen Vertrauensverhältnisses mit- und zueinander und für die Förderung unseres Gemeinschaftsgefühls und sie tragen somit zur Entwicklung von einem Nebeneinander-Leben zu einem Miteinander-Leben entscheidend bei. Andererseits bieten diese Veranstaltungen uns auch die Möglichkeit, uns miteinander über die aktuellen Probleme und Entwicklungen in unserer Stadt, unserem Land und der Welt und über deren Lösungsperspektive auszutauschen. In diesem Sinne will ich heute Abend nur die zwei von vielen grundsätzlichen Aspekten des Fastens im Ramadan – im Zusammenhang mit den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland, Europa und der Welt – darstellen.

Erstens: Das Fasten im Ramadan bildet die wichtigste Grundlage für die soziale Gerechtigkeit. Durch das Fasten in der Zeit von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang erspüren die Fastenden teilweise den erbarmenswerten, bitteren Zustand der Menschen in Not und Armut. Der Fastenmonat Ramadan fördert somit das Bewusstsein und die Einsatzbereitschaft der Fastenden für die soziale Gerechtigkeit und eine Kultur des Teilens und der Solidarität mit Menschen in Not und Armut. Unsere Mitgliedsgemeinden in Hessen, auch in Gießen, sowie zahlreiche Moscheegemeinden von allen anderen islamischen Religionsgemeinschaften in Hessen und Deutschland leisten in diesem Sinne einen vorbildlichen Beitrag zu einer Kultur des Teilens, öffnen ihre Türen während des Monats Ramadan jeden Abend zum Iftar und teilen ihr Brot mit hunderttausenden Flüchtlingen. Durch Spendenaktionen und viele weiteren Projekte versuchen sie im Ramadan zugleich das Leben von Flüchtlingen in Deutschland und auch in anderen Ländern zu erleichtern.

Verehrte Damen und Herren,

weltweit sind zurzeit ca. 60 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als nach dem Zweiten Weltkrieg. Kriege sind die wichtigsten Gründe dafür. Aber auch Hunger ist nach wie vor einer der wichtigsten Gründe für eine Flucht. Fast 800 Millionen Menschen leiden unter Nahrungsmangel – meist, weil bewaffnete Konflikte die Versorgung unmöglich machen. Die europäischen Länder halten sich innerhalb der europäischen Grenzen von Kriegen lieber fern, liefern und exportieren aber ständig Waffen an die Kriegs- und Krisenregionen, beuten arme Länder aus, sparen an Entwicklungshilfe und tragen dadurch eine Mitverantwortung für das Flüchtlingsdrama in der Welt. In Anbetracht dieser Tatsache bzw. unserer Mitverantwortung für das Flüchtlingsdrama können wir hier in Europa in unserem Wohlstand gleichgültig und egoistisch nicht weiter leben. Wer Waffen liefert und somit an dem Flüchtlingsdrama mitschuldig und mitverantwortlich ist, muss Flüchtlinge aufnehmen. Deshalb halte ich die Verweigerung vieler Länder von Großbritannien bis Ungarn in der EU, Flüchtlinge aufzunehmen, für eine Schande und verantwortungslos. An dieser Stelle muss ich auch offen sagen, dass der Brexit von vorgestern nicht nur ein Austritt von Großbritannien aus der EU bedeutet, sondern vielmehr eine Absage gegen Zuwanderung, eine Absage gegen Flüchtlinge, eine Absage gegen eine Kultur des Teilens und somit ein Verrat der hochgelobten Werte Europas!

Verehrte Damen und Herren,

in vergangenen Monaten sind nicht nur tausende Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer und der Ägäis ertrunken, sondern auch die hochgelobten europäischen Werte. Oder mit anderen Worten, wie der Erzbischof Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki am Fronleichnamsfest am 26. Mai zutreffend formulierte: „Wer Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, lässt Gott ertrinken – jeden Tag, tausendfach“. Die Staaten in der EU müssen endlich mal ihre Verantwortung wahrnehmen und für eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge sorgen, statt ihre Augen zu schließen und ihre Grenzen dicht zu machen. An dieser Stelle muss ich aber Deutschland davon ausnehmen. Deutschland hat im Vergleich zu allen anderen Ländern in der EU die meisten Flüchtlinge, insgesamt mehr als alle anderen EU-Länder, aufgenommen. Das müssen wir alle begrüßen und anerkennen. Hierzu will ich den diesbezüglichen Beitrag unserer Stadt Gießen besonders hervorheben. Unsere Stadt Gießen mit ihren ca. 83.000 Einwohnern hat eine der europaweit größten Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge. In der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen sind seit Jahren tausende Menschen regelmäßig untergebracht. Obwohl Gießen mit dieser Größenordnung der Flüchtlingszahlen überfordert war und ist, hat bisher die Flüchtlingssituation gut gemeistert. Ich bin zugleich auch der gleichen Meinung wie unsere Oberbürgermeisterin, dass wir eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen Hessen und bundesweit brauchen, um bestehende Probleme besser lösen zu können. Probleme auch durch ungerechte Verteilung und Überforderung bereiten den Nährboden für gezielten Missbrauch durch die rechtsextremen Parteien wie die AfD, um Ängste in der Bevölkerung gegen Flüchtlinge zu schüren. Genau das haben wir auch in Gießen bei den letzten Kommunalwahlen im März erlebt. Durch eine gezielte Wahlkampagne gegen Flüchtlinge ist die AfD die viertstärkste Partei in Gießen geworden.

Was sollen und können wir aus den letzten hessischen Kommunalwahlen und drei Landtagswahlen lernen, in denen die rechtsextreme AfD/Alternative für Deutschland die dritt- oder zweitgrößte Kraft geworden ist? Die Flüchtlingsfrage ist mittlerweile zu einer Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa geworden. Diese Krise zeigt, dass in Europa in weiten Teilen der europäischen Gesellschaft in der Tat die Kultur des Teilens und der Solidarität mit den Menschen in Not fehlt. Die deutschen und europäischen Regierungen und Staaten sollen deshalb vielmehr an den Ursachen dieser fehlenden Kultur und ihren Lösungsperspektiven arbeiten. Nur so kann man gegen den Anstieg der rechtsextremen Parteien wirksam vorgehen.

Zweitens: Das Fasten im Ramadan ist das wirksamste Heilmittel gegen Rassismus. Jeder, der jeden Tag im Ramadan von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang fastet, ohne zu trinken und zu essen, erkennt seine grenzenlose Schwäche, seine unendliche Bedürftigkeit und seine unermessliche Fehlbarkeit in seinem Wesen, welche er sonst gar nicht sehen will. Somit versteht jeder Fastende, dass er genauso schwach, bedürftig und fehlbar wie alle anderen Menschen ist, egal welcher Hautfarbe, welcher Herkunft und welchen Geschlechts. Was macht denn einen Menschen überlegener als andere Menschen? Seine Hautfarbe? Seine Herkunft? Sein Geschlecht? Im Islam gibt es eine klare und unmissverständliche Antwort darauf:

Oh, ihr Menschen, Wir haben euch aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen geschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr euch kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott ist der Gottesfürchtigste.“ (aus dem Koran: 49, 13)

Ihr alle gehört zu Adam und Adam stammte aus Erde. Keinen Vorrang hat der Araber vor dem Nichtaraber oder der Weiße vor dem Schwarzen, es sei denn durch die Gottesfurcht und das rechte Handeln.“

(Gesandter Muhammad, Friede/Segen sei mit ihm)

Verehrte Damen und Herren,

der Rassismus war und ist die größte und gefährlichste soziale Krankheit der Menschheit. In diesem Sinne darf ich hier in aller Klarheit sagen: Rassismus jeder Art, egal von wem er stammt und gegen wen er gerichtet ist, Hass gegen Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion, antijüdischer, antichristlicher und antimuslimischer Rassismus sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es kann doch unserem Schöpfer nicht gefallen, wenn Menschen einander hassen und voreinander Angst haben, nur weil sie eine andere Herkunft, eine andere Hautfarbe, einen anderen oder gar keinen Glauben haben. Deshalb muss der Hass selbst, nicht der Mensch, gehasst werden. Und meine Botschaft als Heilmittel gegen Rassismus ist: Wir alle sollen und sollten immer wieder daran denken, dass der Mensch sterblich und die Macht vergänglich ist.

Selbstkritisch zum Rassismus unter Muslimen sage ich unmissverständlich: Wer fastet und dennoch rassistisch handelt, hat den Sinn des Fastens kaum verstanden! Im Zusammenhang mit den aktuellen Diskussionen will ich zugleich in aller Deutlichkeit sagen: Jeder/Jedes Land soll erst einmal vor der eigenen Tür kehren, bevor er/es wie ein Oberlehrer die anderen (Länder) über Menschenrechte belehrt. Statt sich ständig und seit Monaten ununterbrochen mit der Türkei und ihrem Staatspräsidenten Erdoğan zu beschäftigen, sollten sich die Medien und Politiker in Deutschland und EU-Ländern vorrangig und ernsthaft um die alarmierende Zunahme von Rassismus, Islamfeindlichkeit und rassistischen Gewaltanschlägen auf Flüchtlinge, Flüchtlingsheime und Moscheen in Deutschland und EU-Ländern kümmern. Unter anderem halte ich die Haltung von Medien und Politik in Deutschland seit Monaten gegenüber dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan für eine gezielte Anfeindung gegen ihn und doppelmoralisch, vor allem deshalb, weil die gleichen Medien und Politiker zugleich die tatsächlichen Diktatoren und Verbrecher in vielen anderen Ländern der Welt bewusst ignorieren, tatenlos zuschauen, sogar unterstützen. An dieser Stelle will ich zugleich anmerken: Als Vorsitzender der IRH/Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen setze ich mich immer für eine sachliche und respektvolle Streitkultur ein. Deshalb verurteile ich – als ein harter, aber sachlicher Kritiker der Armenien-Resolution – hier erneut die Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen von manchen türkischen Kreisen gegen die türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten, die für die Armenien-Resolution im Bundestag gestimmt haben.

Die Europäische Union wurde mit dem Ziel gegründet, den häufigen und blutigen Kriegen zwischen Nachbarn infolge des Rassismus in Europa ein Ende zu bereiten. Das heißt: Der Wille, den Rassismus zu stoppen und gar zu beenden, war der Grund der Gründung der EU. Ab dem Brexit in Großbritannien von vorgestern gilt nun die Frage: Wird der zunehmende Rassismus in den EU-Ländern nun der Grund und der Beginn vom Ende des europäischen Traums sein? Die EU-Länder müssen sich nunmehr ernsthaft Gedanken machen, wie sie das Problem des Rassismus innerhalb der EU lösen können und müssen.

Verehrte Damen und Herren,

bei aller Kritik an bestehenden Missständen in unserem Land Deutschland werbe und setze ich mich auch als Vorsitzender der IRH/Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen unter Muslimen immer für den Grundsatz und das Gefühl der Verbundenheit mit Deutschland ein. Als Beispiel möchte ich meine öffentlichen Erklärungen nach den letzten Fußballspielen von Deutschland und der Türkei in der Europa Meisterschaft wiedergeben:

Nach einer Zitterpartie heute Abend ist die Türkei raus. Die EM geht ohne Türkei weiter, auch das Leben geht weiter! Jetzt freuen wir uns als Türkeistämmige mit unserer zweiten Heimat Deutschland auf das Achtelfinale!“

Zwei Heimatländer zu haben ist in der Tat gut; wenn das eine verliert und raus ist, aber das andere siegt und weitermacht, dann hat man doch immer noch Anlass zur Freude!“

In diesem Sinne wünsche und hoffe ich, dass wir alle gemeinsam durch die heutige Veranstaltung zur Förderung des Bewusstseins der Zusammengehörigkeit unserer Gemeinschaft in Gießen, Hessen und Deutschland beitragen. Ich wünsche Ihnen allen einen fruchtbaren Austausch und eine festliche Stimmung und meinen muslimischen Geschwistern einen gesegneten Ramadan.

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