Türken lehnen EU Mitgliedschaft mit 74% ab

Prof. Dr. Faruk Sen (Pressemitteilung)
Nach 54. jähriger Wartezeit für die EU-Mitgliedschaft der Türkei entwickelt sich ein ganz anderes Bewusstsein im Lande. Bei diesem Bewusstsein ist deutlich zu spüren, dass die türkische Bevölkerung kein Glauben mehr an die vollwärtige Mitgliedschaft der Türkei schenkt. Als die Beitrittsverhandlungen im Jahre 2005 angefangen haben, war mit 76 Prozent ein großer Teil der türkischen Bevölkerung der für einen Beitritt der Türkei. Heute, acht Jahre später, zeigt die Panel-Untersuchung der türkisch-europäischen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK), dass sich dieses Bewusstsein stark verändert hat und in diesem Sinne die Meinungen für einen EU-Beitritt rapide zurückgegangen sind.
2013: Nur noch 18 Prozent glauben an deinen EU-Beitritt der Türkei
Im Jahre 2011 äußerten sich gerade Mal knappe 34 Prozent der Türken für die EU-Mitgliedschaft, während 60 Prozent eine klare ‘Nein’-Position vertraten. Weiter im Jahre 2012 ging die Zahl der EU-Befürworter nochmals um 50 Prozent zurück, sodass lediglich 17 Prozent für den EU-Beitritt ihrer türkischen Heimat waren. Die diesjährige (Herbst 2013) Untersuchung der TAVAK Stiftung hat gezeigt, dass im Vergleich zu 2012 mit 18 Prozent Ja-Stimmen für die EU zwar ein zwei-prozentiger Anstieg zu beobachten ist, aber dennoch deutlich zu erkennen ist, dass die türkische Bevölkerung zunehmend mit dem Kapitel der Europäsichen Union abschließt. Gegenwärtig lehnen 74 Prozent der Türken die EU-Mitgliedschaft der Türkei ab.
Das wachsende Selbstbewusstsein der türkischen Bevölkerung und Regierung
Woher kommt diese Entwicklung in der Türkei ? Bezüglich der Bewusstseinsänderung der türkischen Bevölkerung spielt das wachsende Selbstbewusstsein im eigenen Lande eine bedeutende Rolle. Zwischen 2002 und 2011 hat die Türkei eine kumulative Wachstumsrate von 59 Prozent erreicht. Damit erreichte die Türkei weltweit nach China und Indien die höchste kumulative Wachstumsrate. Eine weiterer Faktor ist, dass sich der Sozialstaat in der Türkei weitgehend etabliert hat. Während in den EU-Staaten der Sozialstaat sehr stark nachlässt, wurden die Sozialversicherungen in der Türkei stabilisiert. Natürlich lässt in der Türkei die Demokratie noch sehr viel zu wünschen übrig. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan wird innenpolitisch immer härter in seinem Ton und sein Auftritt wird immer härter und selbstbewusster. Aber das Thema rund um die EU spielt in der türkische Öffentlichkeit kaum mehr eine Rolle, und die Gründe sind unterschiedliche.
Gründe für die Abkehr von der EU:  Alternativen ?
Zum Einen hat die starke Zunahme der Islamophobie innerhalb der EU-Staaten, besonders in Deutschland, Frankreich, Holland und Österreich, und ihre Wendung und Entwicklung hin zur Türkofobie die Einstellung der türkischen Bevölkerung geprägt. Und die Aufklärung NSU-Morde gegenüber acht Türken und einem Griechen, die von 2001 bis zuletzt in das Jahr 2006 reichen, hat in der Türkei ebenfalls zu einer distanzierten Haltung beigetragen.
Die Diskussionen über Alternativen zur EU sind sowohl in den Regierungsreihen, sowie innerhalb der Bevölkerung inzwischen kein Geheimnis mehr. Obwohl die Alternativen nicht zu sehr erstzunhmen sind, hat die Türkei ihre Absatzmärkte sehr stark umorientiert. 2002 gingen aus der Türkei 64 Prozent der Exporte in die EU und lediglich 2 Prozent nach Afrika. 2012 haben sich die Zahlen und Länder stark geändert: während 34 Prozent aller Exporte in die EU-Staaten gingen, haben 30 Prozent der türkischen Exporte die Absatzmärkte in Afrika entdeckt. Die besondere Situation und der Niedergang der EU-Staaten 2008, angefangen mit Rumänien, Ungarn, dann Griechenland, Spanien, Portugal und Irland haben doch auch zum neuen Bewusstsein beigetragen. Die Türkei ist noch in der Zollunion dabei, von 1996 bis 2012 haben die EU-Staaten in die Türkei, ohne Zollgebühren zu zahlen, für 230 Milliarden Euro mehr Waren exportiert, als sie aus der Türkei anbezogen haben.
Ein Spiel, zwei Verlierer!
Das heißt, die Türkei hat sich bereits durch die Zollunion schon zum priviligierten Partner entwickelt, so die Meinung von Angela Merkel. Aber Freizügigkeit und andere Punkte sind der Türkei, obwohl es vertraglich zugesichert ist, noch nicht gegeben. Am Ende kann man nur sagen, schade für beide Seiten! Die EU mit 505 Millionen Einwohner und 28 Staaten hat einen dynamischen Staat als zukünftigen Partner verloren. Schade für die Türkei, nach einer Wartezeit von 54. Jahren sagt sie “Nein, danke zur EU”. In diesem Spiel gibt es nicht nur einen, sondern zwei Verlierer: die EU und die Türkei.

 

Comments are closed.